Gründer und Präsident
KURT WENGER


 

Hilfe für christlich-irakische Flüchtlinge

Rundbrief Nr. 125, April 2016


von Shmuel und Pamela Suran


"Damit jetzt kund werde
die mannigfaltige Weisheit Gottes den Mächten und Gewalten im Himmel
durch die Gemeinde" (Phil. 3,10)


Wer in den letzten Monaten die Nachrichten verfolgt hat, ist über den Massen-Exodus aus dem Nahen Osten informiert. Es sind vor allem Menschen aus Syrien und Irak, die vor der ISIS und anderen länger andauernden Kriegswirren mit ethnischer Säuberung aus ihren Ländern fliehen müssen. Die ergreifenden Szenen der Massen von Auswanderern erinnert an den biblischen Exodus der Kinder Israel, als sie die ägyptische Knechtschaft verliessen mit der Hoffnung auf das Gelobte Land.

Eine Paten-Familie aus Basra mit Pamela und Shmuel Suran.
Im Februar hatten Pamela und ich wiederum das Vorrecht, viele unserer lieben irakischen Glaubensgeschwister zu besuchen, die nun in Jordanien leben. Doch sie bekommen keine legale Arbeitserlaubnis gemäss den Richtlinien der UNHCR (UNO-Komitee für Flüchtlinge). Diese Regelung bringt diese Familien in weitere soziale und wirtschaftliche Not. Die meisten wohnen in kleinen Zimmern oder Wohnungen und sind nicht fähig, für ihre grundlegenden Bedürfnisse aufzukommen. Wir konnten einigen Familien mit euren Gaben helfen und ihnen Lebensmittel, Wolldecken, Matratzen, Kleidung, Hilfe für Mieten und andere Unterstützung bringen.


Familien-Patenschaften

Kürzlich trafen wir Dr. Bashar und seine Familie. Pamela erzählt ihre Geschichte:
Dr. Bashar, seine Frau Zina und vier Kinder kommen aus dem christlichen Gebiet bei Mossul, genannt Kharakhosh. Sie sind aramäische Christen. Die Sprache ist ein Teil ihrer Kultur nebst der Bibel in Aramäisch, die sich Peshitta nennt. Dr. Bashar studierte an der berühmten medizinischen Universität in Mossul, die weltweit auf Platz 16 liegt. Sein Spezialgebiet ist Rheumatologie und Arthritis. Er war ein erfolgreicher Arzt und leitete ein eigenes medizinisches Zentrum nebst der Arbeit in einer anderen Klinik. Er war sehr beschäftigt und gefragt. Patienten mussten lange auf einen Termin mit ihm warten. Er erzählte uns, was in jener schlimmen Nacht passierte, als die ISIS den Christen die Möglichkeit gab, zum Islam zu konvertieren, eine Steuer zu zahlen oder zu sterben:

"Der 6. August 2014 war ein Tag wie jeder andere. Beim Aufwachen dachten wir an unsere Tagesgeschäfte. Niemand ahnte, was geschehen würde." Zwar hatte die ISIS die Stadt Mossul bereits seit zwei Monaten besetzt. Die 30'000 irakischen Soldaten waren geflohen und hatten ihre Waffen zurückgelassen. Die ISIS versicherte der Bevölkerung, sie bräuchte sich keine Sorgen zu machen. Die meisten Leute waren zu jener Zeit wegen der Korruption ihrer irakischen Regierung frustriert und gegenüber dem neuen Regime dieser Jihadisten verletzlich. Auch die Christen wurden im Glauben gelassen, ihnen würde nichts passieren. Doch im Hintergrund wurde ein Plan ausgeheckt, um deren Besitz zu konfiszieren. Muslimische Nachbarn teilten der ISIS die Häuser der Christen mit. An diese wurde der Buchstabe "N" aufgesprayt, um sie als "Nazarener" zu kennzeichnen.


Dr. Bashar mit Frau und den beiden kleineren Kindern,
Dazu Shmuel und Pamela Suran.
Plötzlich, um Mitternacht, begannen die Kirchenglocken zu läuten, und Ansagen ertönten schrill aus den Lautsprechern der Moscheen: "Ihr Christen, bekehrt euch zum Islam, oder bezahlt die Jizyah Schutz-Steuer (eine islamische Steuer, die man Ungläubigen auferlegt, höher als ein Jahresgehalt eines Irakers) oder sterbt durch das Schwert. Ihr habt drei Stunden Zeit, um die Stadt zu verlassen."

Die fanatischen Jihadisten führten eine grausame Säuberung durch, eine Kampagne des
Völkermordes. In dieser Nacht flohen rund 100'000 Christen aus Mossul. Alle beluden ihre Autos und nahmen auch Nachbarn und Verwandte mit. Sie fuhren in Richtung Erbil, Kurdistan. Doch unterwegs gab es ISIS-Checkpoints. Geld, Schmuck und andere Wertgegenstände wurden ihnen abgenommen. Sogar viele Autos wurden beschlagnahmt. Viele durften nur gerade mit ihrem Pass und den Kleidern, die sie auf dem Leibe trugen, weiter. Dr. Bashar war froh, seiner grossen Familie wegen das Auto behalten zu dürfen.

Als sie bei Checkpoints der Kurden ankamen, wurden sie während fünf Stunden aufgehalten. Schliesslich sagte Dr. Bashar zu seiner Frau, sie solle mit den Kindern in Richtung Erbil losmarschieren. Dank ihrer Mobiltelefone konnten sie in Kontakt bleiben. Während Stunden waren sie unterwegs. Die beiden Kleinen trug sie abwechselnd auf den Schultern. Links und rechts schlugen Bomben ein. Die Männer blieben in ihren Autos zurück.

Endlich, gegen Abend, gelang es Dr. Bashar, durch den Check-Point zu kommen. Unterwegs fand er seine Familie, und gemeinsam setzten sie die Flucht fort. Sie kamen in eine christliche Gegend namens En-Kawa. Dort blieben sie in einer Kirche. Manche Flüchtlinge dachten, die irakische Armee würde nach zwei bis drei Tagen zurückkommen und die ISIS verdrängen. Doch dazu kam es nie. Nachdem die Christen aus Mossul geflohen waren, feierten die Moslems deren Weggang und ihre Beute mit Partys.

Dr. Bashar und seine Familie blieben nicht lange in Erbil und konnten glücklicherweise schon bald nach Amman in Jordanien fliegen. Diese Geste war Jordaniens König zu verdanken. Seit 1 ½ Jahren leben sie inzwischen in Amman ohne Arbeit und Geld. Wenn man Dr. Bashar fragt, wohin er gehen möchte, sagt er: "Überallhin, wo es keine Muslime gibt!" Er hofft, nach Amerika oder Australien ausreisen zu können.

Seine Frau Zina leidet an Brustkrebs (Stadium 3). Kürzlich musste man ihr eine Brust amputieren. Sie müsste nun eine Behandlung mit viel Chemotherapie und Hormonspritzen durchlaufen, um die Krebszellen abzutöten. Leider fehlt das Geld für diese Behandlung. Der behandelnde Arzt erklärte, der Krebs habe mit dem gewaltigen emotionalen Stress zu tun, den sie durchlitten hatte. Niemand in ihrer Familie hatte je Brustkrebs. Viele andere in der irakischchristlichen Gemeinschaft leiden an ähnlichen Symptomen und Krankheiten.

Als wir dieses Mal Zina trafen, machte es den Anschein, als ob sie bereits Chemotherapie bekommen hätte. Haare und Augenbrauen waren ausgefallen, sie trug eine gestrickte Mütze auf dem Kopf. Ein Teil ihrer Energie schien zurückgekommen zu sein, denn sie bot uns Tee an. Ihre kleineren Kinder, Majd, ein blonder, blauäugiger Engel, und Marie waren da. Dr. Bashar erzählte uns die weitere Geschichte von Zina, was sie durchlitten hatte und wie schrecklich teuer die Behandlungen seien.

Er sagte: "Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie gut wir aussahen, bevor wir Mossul verliessen, im Vergleich zu heute. Ich musste alles zurücklassen und dies einzig, weil ich Christ bin."

Nach dem Tee boten wir an, für Zina zu beten. Wir stellten uns neben sie und legten ihr die Hände auf. Während des Gebets fühlten Shmuel und ich, wie die Kraft des Herrn durch unsere Hände floss.


Busse bringen irakische Christen zum Gottesdienst.
Wir haben die wunderbare Möglichkeit, ihnen zu helfen, durch diese schwierige Zeit zu kommen. Diese alte christliche aramäische Gemeinschaft reicht zurück in biblische Zeiten, doch jetzt steht sie in Gefahr, völlig ausgelöscht zu werden. Jede Spende, ob klein oder gross, wird unseren Geschwistern helfen.

Mit Dankbarkeit, Pamela.





Ich will segnen, die dich segnen, und in dir sollen gesegnet sein alle Geschlechter auf Erden.
(1. Mose 12,3)